aiLetter #1.19: DeepMind & Corona, ClearviewAI & Milliardäre, Facebook gegen Fake, Geld für Waymo & Respeecher, AI-Diagnose von Baby-Augenleiden, Roboter zapfen Blut, Digitalisierungs-Chaos, Gesichtserkennung & Überwachung, 10 Durchbruch-Technologien

Liebe Freunde des aiLetter,

 nach der Aschermittwochspause erhaltet Ihr die heutige Ausgabe Eures aiLetter am Wochenende. Unser Potpourri heute: Alphabet’s DeepMind geht neue Wege im Kampf gegen das Coronavirus, der Skandal um Clearview AI setzt sich mit der Nutzung durch milliardenschwere Investoren fort, Facebook kämpft mit AI gegen Fake-Profile, Waymo erhält viel Geld für die Weiterentwicklung des autonomen Fahrens und Respeecher etwas weniger für seine Lösung zur Stimmenimitation, die Ihr gerne testen könnt. In den USA arbeiten Forscher an einer AI-gestützten Diagnose-Lösung für eine heimtückische Baby-Augenkrankheit und möglicherweise zapfen uns zukünftig Roboter Blut ab. Der Bundesregierung mangelt es an Übersicht in ihrer Digitalisierungsstrategie und EU-Datenbanken zur Gesichtserkennung werden bereits jetzt mit denen von Beitrittsländern verknüpft.

Einige Beispiele zu bereits jetzt im realen Leben genutzten Lösungen zum Thema Gesichtserkennung könnt Ihr im DeepDive anschauen und das Taillight beschäftigt sich heute mit einer Prognose zu bahnbrechenden Technologien in 2020 … zur Wiedervorlage in 2021.

 Wir wünschen Euch viel Vergnügen bei der Lektüre und einen schönen Weltfrauentag!


ai@Work: Lösungen im Einsatz

Das Coronavirus und Alphabet‘s DeepMind – ein neuer Weg

Die zur Google-Holding Alphabet gehörende Artificial Intelligence Einheit DeepMind  geht im Kampf gegen die weltweite Ausbreitung des Coronavirus einen neuen Weg. Bisher war es üblich, dass Forschungsergebnisse erst nach umfangreicher akademischer Überprüfung veröffentlicht werden. Um der weltweiten Forschungsgemeinschaft schneller im Verständnis des Virus zu helfen, veröffentlichte DeepMind nun die Strukturanalysen für sechs Proteine, die mit dem Virus SARS-CoV-2 assoziiert sind, bereits ohne akademische Kreuzanalysen. Offensichtlich gelingt es der weltweiten Forschung, ungeachtet nationaler Befindlichkeiten bei der Lösung des globalen Problems zu kooperieren. Selbst ideologische Grenzen scheinen keine Rolle mehr zu spielen, wie der Stern in dieser Woche aus China berichtet.

eine SARS-CoV-2-Membranprotein (Grafik: DeepMind)

Kein Ende im Skandal um die Gesichtserkennung von Clearview

Nach einem Bericht der New York Times hat das US-amerikanische Unternehmen Clearview AI seine umstrittene Gesichtserkennungsanwendung auch an einflussreiche Investoren weitergegeben, obwohl seitens des Unternehmens bisher behauptet wurde, dass die Lösung nur von der US-Strafverfolgung genutzt wird. Laut der Times hat der Milliardär John Catsimatidis die App benutzt, um einen Mann zu identifizieren, der mit seiner Tochter verabredet war – es dauerte offenbar nur Sekunden, um das Bild des Mannes durch die Datenbank von Clearview laufen zu lassen. Catsimatidis hat Berichten zufolge auch einen Testlauf von Clearviews Überwachungstool in seinen Gristedes-Lebensmittelgeschäften durchgeführt, um „Ladendiebe oder Leute zu finden, die andere Geschäfte überfallen haben“.

Andere Magnaten, die Berichten zufolge mit der App gespielt haben, sollen z.B. der Gründer des börsengehandelten Fonds Hal Lambert, ein „MAGA“-Fondsgründer, der Gründer von Kirenaga Partners, David Scalzo, und möglicherweise auch der Schauspieler und Neuinvestor Ashton Kutcher sein.

Doch Clearview AI geht ungeachtet des bisherigen Skandals seinen Weg unbeirrt weiter und hat seine Gesichtserkennungssoftware nun auch auf Überwachungskameras und Augmented-Reality-Brillen getestet, wie aus Dokumenten von BuzzFeed News hervorgeht.

Mehr zum Thema Gesichtserkennung findet Ihr heute im DeepDive.

Facebook kämpft mit AI-Lösung gegen Fake-Profile

Gefälschte Konten auf Facebook sind ein großes Geschäft. Betrüger nutzen sie, um Spam, Phishing-Links oder Malware zu verbreiten – und die Folgen können für unschuldige Nutzer verheerend sein. Diese Woche veröffentlichte das MIT einen Blick hinter die Kulissen, um zu zeigen, wie Facebook sich wehrt.

Der Social-Media-Gigant verwendet hier ein AI-gestütztes System, das als Deep Entity Classification (DEC) bekannt ist. DEC arbeitet, indem es lernt, gefälschte und echte Benutzer auf der Grundlage der Merkmale ihrer Vernetzung zu unterscheiden. Diese sind als „Deep Features“ bekannt und können Dinge wie Durchschnittsalter oder Geschlechtsverteilung der Freunde des Benutzers umfassen. Das System verwendet mehr als 20.000 „Deep Features“, um jedes Konto zu charakterisieren und soll damit nicht zu täuschen sein. Seit der Implementierung von DEC, so Facebook, konnte das Volumen der gefälschten Konten auf der Plattform bei etwa 5% der monatlich aktiven Benutzer gehalten werden. Bei 2,5 Milliarden Nutzern weltweit wären das aber immer noch 125 Millionen gefälschte Konten … die Aufräumarbeiten haben also noch einen langen Weg vor sich.

(Bild: MSTech)


aiInvest: Wer investiert wo?

2.25 Milliarden für Alphabet’s Waymo … eine große Investition in die Zukunft des Fahrens

Das von Alphabet zur Entwicklung von autonomen Fahrzeugen gegründete Unternehmen Waymo hat in seiner ersten externen Investitionsrunde die rekordverdächtige Summe von 2.25 Milliarden eingesammelt. Das Nachrichtenportal Crunchbase berichtet von namhaften Investoren wie Silver Lake, das Canada Pension Plan Investment Board und Abu Dhabis Staatsfonds Mubadala Investment Company. Auch Alphabet selbst, der globale Automobilzulieferer Magna International und der Gebrauchtfahrzeug-Listendienst AutoNation beteiligten sich, um an dem zukunftsträchtigen Geschäftsfeld zu partizipieren.

… und eine kleine Investition: 1.5 Millionen für die Stimmenimitatoren von Respeecher

Das in Kiew, Ukraine, ansässige Startup Respeecher hat von dem in New York ansässigen Unternehmen ff Venture Capital unter Beteiligung von Acrobator Ventures, Network VC, ICU Ventures und anderen Investoren 1,5 Millionen Dollar für die weitere Anschubfinanzierung erhalten. Der Finanznachrichtendienst FinSMEs berichtet, dass die Mittel für das weitere Wachstum des Unternehmens im Bereich Content-Erstellung, den Eintritt in den Call-Center-Markt und den weiteren Ausbau seiner Vermarktungs- und Technikteams verwendet werden sollen.

Eine besondere Anwendung: Respeecher verwendet AI-Technologie, um Stimmen zu transformieren, so dass der Nutzer in der Stimme einer anderen Person sprechen kann. Das System wird bereits von einem Hollywood-Studio verwendet. Eine kleine Kostprobe? Probiert es selbst aus und sprecht wie Barack Obama.

wir empfehlen allerdings, Englisch zu sprechen …


aiLab: ein Blick in Forschung & Entwicklung

National Eye Institute entwickelt AI-Diagnose für Baby-Augenkrankheit

Das US-amerikanische National Eye Institute finanziert eine Studie, die sich auf eine besonders gefährliche Augenkrankheit konzentriert: die „aggressive hintere Retinopathie“ bei Frühgeborenen (AP-ROP). Ein neue AI-gestützte Lösung soll betroffene Babys durch die Analyse von Bildern ihrer Augen frühzeitig identifizieren. Durch gezielte operative Eingriffe sei dann das Sehvermögen meist zu retten. Bisher war diese Krankheit schwer zu erkennen, da die Symptome sehr subtil sein können. Traditionell versuchen Ärzte, sie anhand von Bildern der Innenfläche des Augapfels – bekannt als Fundus – zu finden, aber ihre Diagnosen differieren sehr stark. „Selbst die erfahrensten Gutachter sind sich nicht einig, ob Fundusbilder auf eine AP-ROP hinweisen“, sagte J. Peter Campbell, der leitende Prüfarzt der Studie. Sein Team geht davon aus, dass die AI-Lösung einen besseren Job machen wird.

Die Zukunft der Blutabnahme – ein AI-betriebener Roboter?

Ein Roboter soll demnächst Blut abnehmen und Katheter einführen können. Nach einer neuen Studie von Ingenieuren der Rutgers-Universität soll das entwickelte Tischgerät sehr viel genauer arbeiten als medizinisches Personal. Dazu verwendet es einen Algorithmus für maschinelles Lernen und Ultraschall, um Blutgefäße zu lokalisieren, ihre Tiefe unter der Haut vorherzusagen und dann Nadeln unter minimaler menschlicher Kontrolle an die besten Stellen zu setzen. Dies könnte dazu beitragen, den Prozess der Blutentnahme in medizinischen Einrichtungen zu beschleunigen, stellen die Forscher fest. „Das Gerät kann nicht nur für Patienten eingesetzt werden, sondern auch so modifiziert werden, dass Blut bei Nagetieren entnommen werden kann, ein Verfahren, das für Arzneimitteltests an Tieren in der pharmazeutischen und biotechnologischen Industrie sehr wichtig ist“, sagte Martin L. Yarmush, der Leiter der Studie.


aiPolicy: Politik & Rahmenbedingungen

Kein Überblick über Digitalisierung in der Bundesregierung?

Nach einem Bericht der Digitalnachrichten-Webseite Netzpolitik wird die Bundesregierung Opfer ihrer eigenen Ankündigungspolitik. Obwohl Themen wie Digitalisierung und die Entwicklung von Artificial Intelligence nach den üblichen Äußerungen aus Berlin ganz oben auf der politischen Agenda stehen sollen, soll die Regierung mit ihren diversen beteiligten Ministerien bis heute nicht wissen, ob und wie sie ihre Strategie erfolgreich umsetzt. Ein gutes Beispiel sei die im letzten Herbst vollmundig angekündigte Einführung eines Monitoring-Tools zur Kontrolle der eingesetzten Investitionen. Aktuelle Ergebnisse … Fehlanzeige. Statt der Dashboard-Übersicht setze die Regierung aktuell laut eines Regierungssprechers auf eine iterative Veröffentlichungsstrategie.

So will die Regierung den Digitalisierungsfortschritt dokumentieren – irgendwann. (Screenshot)

EU-Staaten binden Balkanstaaten durch die Hintertür in ihre Datenbanken ein

Auch einen anderen kritischen Fall greift das Portal Netzpolitik mit dem Thema der Einbindung von Drittstaaten auf dem Balkan in die Datenbanken der EU-Staaten auf.

Die EU-Beitrittskandidaten Albanien, Nordmazedonien, Serbien und Montenegro sowie Bosnien, Herzegowina und das Kosovo als potentielle Kandidatenländer sollen mit Finanzhilfen der EU ihre Daten in die bestehenden Datenbank-Lösungen der EU-Staatengemeinschaft integrieren. So ist die Verschleppung einer gesamteuropäischen Regelung zur Gesichtserkennung durch die EU auch leichter zu verstehen …


aiDeepDive: Vertiefung für ruhige Lesestunden

Im DeepDive vertiefen wir heute den Themenbereich Gesichtserkennung und AI-unterstützte Überwachung. Hier ein kleiner Überblick mit einigen Beispielen vor allem aus den USA, in welchen Bereichen welche Lösungen bereits im realen Leben eingesetzt werden:

Lesetipp 1:

Banjo, ein Unternehmen aus Utah, reklamiert für sich, Leben zu retten und menschliches Leid lindern zu wollen. Die Sichtweise des Portals Vice ist aber, dass Banjo in Zusammenarbeit mit den Behörden den Staat Utah in ein „Überwachungs-Panoptikum“ verwandelt.

Lesetipp 2:

Und wieder ein Puzzlestück zu Clearview AI: Das Unternehmen baut weiter an seiner Datenbank zur Gesichtserkennung und will nun alle US-Verbrecherfotos der letzten 15 Jahre einkaufen und integrieren.

Lesetipp 3:

Ein Beispiel aus Südamerika: In Buenos Aires gehört der Einsatz von Systemen zur Gesichtserkennung im öffentlichen Raum seit bereits einem Jahr zum Alltag.

Lesetipp 4:

Das US-amerikanische Unternehmen Wolfcom ist im Markt für Polizei-Body-Kameras zuhause. Nun produziert Wolfcom auch Kameras, die mit AI-Unterstützung automatische Gesichtserkennung bieten. Angesichts des Kundenkreises von (nach eigenen Angaben) über 1.500 Polizei-Bereichen, Universitäten und Bundesorganisationen im ganzen Land ergeben sich laut des Portals OneZero hier vielfältige neue Möglichkeiten zur Vernetzung.


aiTaillight: Eine Wiedervorlage für 2021 zum Schluss

The same procedure as every year … “10 Breakthrough Technologies 2020”

Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) veröffentlichte jetzt seine jährliche Liste mit 10 bahnbrechenden Technologien, die sich nach Ansicht der Experten des MIT in 2020 durchsetzen werden. Darunter sind auch AI-unterstützte Lösungen:

„Tiny AI“: Mit der Miniaturisierung von spezialisierten AI-Chips werden Anwendungen auf vielen Endgeräten möglich sein. Damit sollen erhebliche (und wegen ihres Energieverbrauchs vor allem umweltbelastende!) Rechenleistungen über Cloud-Lösungen obsolet werden.

„AI-discovered molecules“: Forscher schätzen, dass das Universum der Moleküle, die in potenziell lebensrettende Medikamente umgewandelt werden könnten, größer ist als die Zahl der in unserem Sonnensystem vorhandenen Atome. In Verbindung mit der Personalisierung von Medikamenten würden sich hier relativ zeitnah völlig neue medizinische Behandlungsmöglichkeiten ergeben.

Machen wir uns den Spaß, in einem Jahr zu überprüfen, wie treffsicher die Forscher des Instituts die reale Entwicklung vorhergesehen haben? Wir notieren uns dies für einen aiLetter im März 2021 … 😉


Wir freuen uns immer über Anregungen und Feedback zum aiLetter: feedback@ailetter.de


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