aiLetter #1.3: US-Sanktionen – Handelskrieg erreicht Chinas AI-Unternehmen

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im aiFocus beschäftigen wir uns in dieser Woche mit den Sanktionen, mit der die Trump-Regierung verschiedene chinesische Machine-Learning-Unternehmen belegt hat. Hinter der offiziellen Sanktionsbegründung vermuten Experten auch wirtschaftliche und militärische Motivationen im Wettlauf um die Vorherrschaft im Bereich Artificial Intelligence. Sie werfen auch die Frage auf: Wem schaden die Sanktionen mehr?

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Anke


aiFocus: China vs. USA – Sanktionen befeuern Wettlauf um AI-Pole-Position

  • Die US-Regierung hat in dieser Woche chinesische AI-Unternehmen mit Sanktionen belegt und sie damit faktisch von Lieferungen US-amerikanischer Computerchip-Hersteller abgeschnitten.
  • Die eigene Produktion von Computerchips war bisher eine wesentliche Schwachstelle der chinesischen AI-Industrie.
  • Experten spekulieren, ob die US-Sanktionen den Aufbau der chinesischen Chipindustrie befeuern und damit die Konstellation im AI-Wettlauf zugunsten Chinas verschieben könnten.

Huawei steht schon seit Mai 2019 auf der sogenannten Entity List der US-Regierung. Deshalb benötigen US-Unternehmen seitdem eine Erlaubnis aus Washington, um Produkte wie Chips an den chinesischen Handyhersteller zu verkaufen. In dieser Woche wurden auch weitere chinesische AI-Unternehmen wie Megvii, SenseTime oder Hikvision auf die US-Sanktionsliste gesetzt. Faktisch sind sie damit von Lieferungen amerikanischer Chip-Hersteller wie Nvidia oder AMD abgeschnitten.

Offiziell begründet die Trump-Administration die Sanktionen damit, dass diese Unternehmen an Menschenrechtsverletzungen gegen die Minderheit der Uiguren in Westchina beteiligt sein sollen. Wodurch? Megvii und Co. sind spezialisiert auf Computer Vision, automatisierte Gesichts- und Stimmerkennung, also Technologien, die in China besonders auch in Überwachungssystemen genutzt werden. Die Unternehmen dementieren ihre Verwicklung.

tumisu/pixabay
Im Wettlauf um AI-Erfolge: Die USA und China wollen die Nase vorn haben bei der Schlüsseltechnologie (Bild: tumisu/pixabay).

 

„Space Race“ um die AI-Vorherrschaft

Viele Beobachter gehen davon aus, dass die US-Sanktionen noch andere, tiefer liegende Gründe haben. Die chinesische Regierung arbeitet daran, das Land bis 2030 weltweit führend in Sachen AI zu machen. AI-Technologien sind nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch höchst relevant für die Supermächte USA und China.

Professor Pascale Fung von der Hong Kong University of Science and Technology vergleicht die aktuelle Entwicklung in dem Fortune-Artikel von Naomi Xu Elegant mit dem Space Race der 1950er und 60er Jahre, dem Wettlauf um Erfolge im Weltraum zwischen den USA und der Sowjetunion.

Chinas Achillesferse: Die Hardware

Das Reich der Mitte und seine boomende AI-Industrie ist im Bereich Software ein Powerhouse. Doch die Computerchips dafür stammten bisher zu 90 Prozent aus ausländischer Produktion. So macht etwa US-Hersteller Nvidia ein Fünftel seines Umsatzes in China. Will Knight erläutert in seinem Artikel die Hintergründe dieser Entwicklung.

Der weitere Ausbau von AI-Technologie ist massiv von leistungsstarken Computerchips (Prozessoren) abhängig. Für längere Zeit waren die sogenannten Graphics Processing Units (GPUs) hierfür besonders gut geeignet. Ursprünglich wurden die Chips für die Verarbeitung von 3D-Bildern in Computerspielen von amerikanischen Herstellern entwickelt. Sie eignen sich auch für das sogenannte Deep Learning. Die Entwicklung von neuen Prozessoren speziell für AI-Anwendungen (Neural Processing Units, NPUs) steht jedoch noch am Anfang. Westliche Hersteller haben hier zumindest keinen jahrzehntelangen Vorsprung vor den aufstrebenden chinesischen Tech-Unternehmen, erklärt Knight. Das machte das Wettrennen für beide Seiten hier so interessant.

Haben die US-Sanktionen einen Boomerang-Effekt?

Doch was bewirken jetzt die neuen US-Sanktionen? Müssten chinesische Chip-Entwickler dauerhaft in einem freien Wettbewerb gegen US-Akteure wie Nvidia antreten, wäre die Entwicklung einer eigenen chinesischen Chip-Produktion deutlich schwieriger. Durch den Bann aus Washington haben Huawei, Alibaba und Co. jedoch bessere Chancen, ihre frisch entwickelten eigenen Chips besonders auf dem heimischen Markt mit seiner hohen Nachfrage zu etablieren. So vermutet ein Analyst im Investment-Blog Seeking Alpha, dass auch bisher nicht sanktionierte chinesische Unternehmen nach Alternativen zu US-Zulieferern suchen werden, um zukünftigen Lieferengpässen vorzubeugen. Professor Fung erwartet als Ergebnis, dass die Sanktionen den US-Zulieferern langfristig mehr schaden als Chinas AI-Startups.

Ein Nebenkriegsschauplatz: die Börse

Eines der von den Sanktionen betroffenen Unternehmen, Megvii, will Ende des Jahres in Hong Kong an die Börse gehen. Wird dieser Schritt durch die US-Sanktionen gefährdet? Aus dem Umfeld des Startups wird dies verneint. Zentrale Investoren wie Goldman Sachs wollen die aktuelle Lage aber genauer prüfen.

Im Video stellt Megvii-CEO Yin Qi sein Unternehmen vor und erhebt den Anspruch, international führend zu werden.

aiDeepDive: Vertiefung zum Wochenende

1. Neue Prozessoren für Artificial Intelligence

Im aiFocus sind die Prozessoren, auf denen AI-Algorithmen laufen, ein entscheidender Parameter für die Entwicklung der Technologie. Grund genug zu erklären, was die neuen Chips von bisherigen wie den GPUs unterscheidet. Das macht Annette Link in ihrem Blogartikel.

2. Brain Drain chinesischer AI-Talente

Während an chinesischen Universitäten immer mehr Experten auf dem Gebiet der Artificial Intelligence ausgebildet werden, stammen gleichzeitig immer mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen von chinesischen Autoren, die im Ausland leben. Ein Zeichen für eine zunehmende Talentabwanderung? Joy Dantong Ma diskutiert das in seinem Artikel.


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